Schlaffe Schnüre, stramme Fänge

 

Seit einigen Jahren befische ich, unter anderen, auch einen ca. 30 Hektar großen Baggersee in meiner näheren Umgebung. Noch vor 6 oder 7 Jahren empfand ich dieses Gewässer als recht leicht zu befischen. Regelmäßiges Füttern hochwertiger Nahrung über einen Zeitraum von ein paar Tagen reichte normalerweise aus, um wochenends teilweise über 15 Fische auf die Matte zu bringen. Die Durchschnittsgewichte lagen bei vielleicht 25 Pfund, die besten Fische hatten aber schon über 40.

 Natürlich entging dieser Fischreichtum auch den Kollegen im Einzugsgebiet nicht. So kam es, dass aus dem einst idyllischem Paradies ein hart befischtes Gewässer wurde. Irgendwann war es kaum noch möglich Futterplätze anzulegen, da mit steigenden Vereinsmitgliederzahlen die Wahrscheinlichkeit, einen vorbereiteten Platz am Wochenende auch frei vorzufinden, immer geringer wurde. Auch reagierten die Fische viel schlechter auf Futter, je mehr Kollegen Futterplätze anlegten. Da ich aber schon immer von der Überlegenheit meiner Köder überzeugt war, fütterte ich beim Fischen eher mehr als meine Kollegen. Dies war, bis zu einem gewissen Grad, auch erfolgreich. Ich fing deutlich mehr Fische als andere. Es viel allerdings auf, dass ich ganz häufig recht schnell die ersten ein, zwei oder auch drei Fische fing, danach aber regelrecht „verhungerte“. Dabei war es unerheblich ob ich nachfütterte oder nicht. Die Fische schienen zu wissen, dass von meinem „Swim“ Gefahr drohte.

 Woran erkennt der Fisch nun diese Gefahr? Alleine eine größere Futtermenge am Angelplatz konnte es nicht sein, sonst wären die Fänge der ersten Fische nicht zu erklären. Auch der Versuch diese ersten Fische nicht sofort zurückzusetzen um eine negative Kommunikation zu verhindern, scheiterte kläglich. Auch mit Backleads abgesenkte Schnüre brachten nichts.

 Im Sommer vor zwei Jahren machte ich dann eine Beobachtung, welche mich auf der Suche nach dem Grund für die Angst der Fische weiterbringen sollte: Ein Karpfen von ca. 30 Pfund schwamm ganz ruhig vielleicht 10 Meter vom Ufer entfernt, etwa einen Meter unter der Wasseroberfläche, parallel zum Ufer. Ich beobachtete diesen Fisch über eine Strecke von gut 250 Metern, bis an die Stelle an der meine Ruten lagen. Direkt vor meiner ersten Schnur, welche der Fisch kreuzen sollte, stoppte der Fisch abrupt, drehte ab Richtung offenes Wasser, schwamm ein paar Meter an meiner Schnur entlang und tauchte dann sichtlich nervös ab in Richtung aus der er kam. Interessant! Also doch schnurscheu?

 Sofort setzte ich wieder Backleads ein. Diesmal aber kontrollierte ich das Ergebnis meiner Bemühungen mit der Taucherbrille. Was ich sah war erschreckend. Die Backleads brachten gar nichts, denn wo die Schnur die Backleads verließ, war sie wieder gut sichtbar, an vielen Stellen deutlich über dem Gewässergrund.


 
Also hab ich eine Rute mit Fluorocarbon Schnur versehen, die Rutenspitze unter Wasser gesetzt und die Schnur absinken lassen. Den Hänger hab ich dann, ohne die Schnur zu spannen, schlaff nach unten hängend, eingeklipt. Die anderen Ruten hab ich eingeholt. Bereits 30 Minuten später erfolgte der erste Biss nach 48 Stunden erfolglosem Fischen, obwohl ich zu Beginn der Session meine obligatorischen 2 Fische gefangen hatte. Der Kontrolltauchgang entlang der abgesenkten Fluorocarbon-Schnur zeigte ein sehr erfreuliches Ergebnis: Die Schnur war für mich absolut unsichtbar, da sie sich aufgrund des sehr hohen Gewichtes überall der Bodenkontur perfekt anschmiegte. Auch die Lichtbrechung echter Fluorocarbon-Schnüre ist der des Wassers sehr ähnlich, was die Unsichtbarkeit begünstigt.

 War dies die Lösung? Es sprach einiges dafür, zumal ich bis zum Abend noch zwei weitere Fische so landen konnte. Die darauf folgenden Touren erhärteten meine Vermutung der Schnurscheu weiter. Mittlerweile hatte ich alle Rollen mit Fluorocarbon-Schnur bespult und fing deutlich mehr und gleichmäßiger als zuvor. Auffällig war, dass auch die Mittelrute nun öfter lief als zuvor, wo entweder die rechte oder linke Rute stärker war. Setzte sich übrigens ein Kollege 50-100 Meter neben mich und fischte mit gespannten Schnüren, führte dies in aller Regel dazu, dass weder er noch ich fingen. Das „Angsteinzugsgebiet“ scheint in stark befischten Gewässern recht groß zu sein. Auch glaube ich, dass die Anzahl der erlaubten Ruten einen Einfluss auf die Schnurscheu der Fische hat, je mehr erlaubt, desto heikler der Fisch.

 Ich gebe zu, dass meine Erkenntnisse auch einige ungelöste Fragen aufwerfen. So zum Beispiel verstehe ich nicht, warum sich die Schnurscheu nicht vom ersten Augenblick einer Session voll auswirkt, wie schon beschrieben, fing ich die ersten 2-3 Fische auch mit gespannten Schnüren oft sehr schnell. Vielleicht sind bereits am Platz befindliche Fische sorgloser als Fische, welche auf Futtersuche dazukommen.

 

 Die Fischerei mit abgesenkten Fluorocarbon-Schnüren ist aber in vielerlei Hinsicht nicht unproblematisch. So verbietet sie sich in hindernisreichen Gewässern, wegen der stark erhöhten Hängergefahr, von selbst. Auch hochkrautige Gewässer sind nicht ideal, da hier auch FC-Schnüre nicht die Möglichkeit haben, sich an den Gewässergrund anzuschmiegen.

 Andere Probleme aber sind lösbar:

 Anfangs fischte ich mit 41er oder gar 44er FC. Diese ist zwar sehr schwer und liegt echt super perfekt und satt auf dem Gewässergrund, ist allerdings steif und springt ständig von der Rolle. Weite Würfe sind nicht hinzubekommen. Mittlerweile fische ich 34er Maxima Fluorocarbon-Schnur, welche fast die gleichen Wurfeigenschaften hat wie ähnlich starke Nylonschnüre. Diese ist auf 180m Spulen erhältlich, sehr abriebfest, ohne Memoryeffekt und bezahlbar. Um nicht ständig von FC Schnüren zu Nylonschnüren wechseln zu müssen, fische ich an hindernisreichen oder hochkrautigen Gewässern die 34er Maxima eben normal gespannt, ich hab dabei noch keinen Nachteil gegenüber Nylonschnüren festgestellt.

 


Leider sind FC Schnüre nicht so knotenfest wie Nylonschnüre. Diesem Problem begegne ich wie folgt: Verbindung der Unterschnur zu den 180 Metern 34er Fluorocarbon-Schnur ist ein normaler Blutsknoten mit je 4 Wicklungen. Hier ist der Druck, wenn die Unterschnur denn mal ins Wasser kommt, recht gering und der Blutknoten hält sicher. Ans Ende der FC-Schnur binde ich einen Wirbel mit dem Uni-Knot. Dieser ist, sorgfältig gebunden, die beste mir bekannte Verbindung von FC-Schnüren zu Wirbeln. An das andere Ende des Wirbels knote ich ca. 50 cm 41er oder 44er FC, der Verbindungsknoten hier spielt wegen der Stärke der Schnüre keine Rolle. Ans Ende nun ein Safety Clip und anschließend mein Rig. Die recht starke und schwere 41er oder 44er ersetzt dabei jegliches Tubing. Der Wirbel sorgt dafür, dass die drallanfällige FC Schnur ständig automatisch entdrallt wird.

 Durch das Absenken der Ruten rutschen diese bei Bissen leicht aus den Aufnahmen der elektronischen Bissanzeiger. Dies verhindere ich mit mittlerweile überall erhältlichen Snag Arms.

 Dadurch, dass die Hänger oder Swinger komplett schlaff durchhängen, können Fallbisse theoretisch nicht mehr erkannt werden. In der Praxis wird aber jeder Biss deutlich erkennbar angezeigt, da die Schnur spannungslos in kritischer Balance zu den Hängern steht und ein auf das Ufer zuschwimmender gehakter Fisch durch den Wasserwiederstand des sich bildenden Schnurbogens den Hänger/Swinger anhebt. Ich habe noch nie einen Biss nicht als solchen erkannt.

 Durch das Fischen mit schlaffen FC-Schnüren habe ich in stark beangelten Gewässern beachtlich mehr Fische fangen können als meine Kollegen mit gespannten Schnüren. Ich fische aber auch an einfacheren Gewässern schlaff, wenn die Situation es zulässt. Probiert es doch einfach mal aus.

 Tight Lines mit schlaffen Schnüren

 Bernd Hahne